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  • „Der choreographische Baukasten“ – Tanz als Bestandteil kultureller Bildung

    19. November 2008, 17:39 Uhr von Prof. Dr. Gabriele Klein, Gitta Barthel und Esther Wagner.

    Das Forschungsprojekt „Der choreographische Baukasten. Entwicklung und Erprobung eines Vermittlungskonzeptes für zeitgenössische Choreographie“ wird finanziert durch das Bundes­ministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und unterstützt durch die Behörde für Schule und Berufsbildung Hamburg. In Kooperation mit Performance Studies Universität Hamburg.

    Projektleitung: Prof. Dr. Gabriele Klein / Univer­sität Hamburg.

    Künstlerische / wissenschaftliche Mitarbeiter/innen: Gitta Barthel, Esther Wagner M.A.

    Laufzeit: 9/2008-12/2010

    „Der choreographische Baukasten“ – Tanz als Bestandteil kultureller Bildung

    Im September 2008 wurde im Fachbereich Bewegungswissenschaft die Arbeit an dem Forschungsprojekt „Der choreographische Baukasten. Entwicklung und Erprobung eines Vermittlungskonzeptes von Choreographie“ aufgenommen. Anliegen des Projektes ist es, mit dem choreographischen Baukasten ein Wissen über zeitgenössische Choreographie bereitzustellen, das die choreographisch-künstlerische Arbeit mit tanzunerfahrenen Menschen in schulischen und außerschulischen Einrichtungen unterstützen soll.

    Tanz bekommt als Bestandteil kultureller Bildung in den letzten Jahren immer mehr Anerkennung – nicht zuletzt seit dem medienwirksamen Projekt von Royston Maldoom, in dem der englische Choreograph mit Berliner Jugendlichen aus Stadtteilen mit Entwicklungsbedarf in Kooperation mit Sir Simon Rattles Philharmonikern ein groß angelegtes Tanzprojekt durchgeführt hat, das durch den Film „Rhythm is it“ eine beträchtliche Breitenwirkung erfahren hat. Bereits seit den 1960er Jahren sind eine Vielzahl von künstlerischen choreographischen Verfahren entwickelt worden, die auf die Arbeit mit ‚Laien’ in modifizierter Form übertragbar sind und in „Vermittlungsprojekten“ erprobt wurden. Um aber den Transfer von zeitgenössischer Choreographie in Feldern kultureller Bildung nicht nur als ein einmaliges, an den jeweiligen Choreographen gebundenes Ereignis stehen zu lassen, soll der Choreographie-Baukasten exemplarisch verschiedene Zugänge aufzeigen und deren ‚handwerkliches’ Vorgehen anschaulich machen. So wird Tanz als kulturelle Bildung nachhaltig gefördert und auch für die in den schulischen und außerschulischen Feldern arbeitenden Vermittlern ein Zugang dazu erleichtert.

    Forschungsprozeß

    Der Baukasten entsteht während der 27 Monate dauernden Forschungszeit durch den Austausch mit international ausgewiesenen zeitgenössischen Choreograph/innen, die Erfahrungen im Bereich der Vermittlung haben. Auf mehreren Theorieplattformen werden unterschiedliche Themen diskutiert, die als heutige und im künstlerischen Schaffen virulente Fragestellungen direkt in das Vermittlungskonzept des Baukastens einfließen.

    Erste Entwürfe des Baukastens werden im Frühjahr 2009 und im Winter 2009/2010 explorativ und mit dem Charakter einer Pilotstudie an zwei ausgewählten Hamburger Einrichtungen durchgeführt. Ziel ist es, den Choreographie-Baukasten aus dieser Praxis heraus, d.h. in einem kombinierten Wissen von zeitgenössischer Choreographie und unter Berücksichtigung der spezifischen Rahmenbedingungen (institutionelle, interkulturelle, bewegungs-, geschlechts- und altersspezifische) zu entwickeln.

    Baukastenprinzip für heterogene Zielgruppen

    Dem Baukastenprinzip inhärent ist die Anwendbarkeit auf heterogene Felder und Zielgruppen. Als praxisnahe Handreichung kann der choreographische Baukasten den jeweiligen Kontexten entsprechend umgesetzt und angepasst werden. In den beiden Pilotphasen wird der Baukasten in zwei unterschiedlichen institutionellen Einrichtungen erprobt. Schule und außerschulische Einrichtungen wie etwa Stadtteilkulturzentren oder Kultureinrichtungen weisen völlig unterschiedliche strukturelle Eigenheiten und Besonderheiten auf, die in der Evaluation der Pilotphasen berücksichtigt werden. In der Forschungsarbeit werden außerdem die Einflüsse, die sich ob der organisatorischen Struktur auf die Gruppen und die Motivation ihrer Teilnehmer erkennen lassen und deren (Aus-) Wirkungen auf das Tanzprojekt berücksichtigt.
    In Schulklassen sowie in außerschulischen Gruppen finden sich Jugendliche aus unterschiedlichen kulturellen, ethnischen und sozialen Hintergründen wieder. Auch im Bereich Tanz verfügen sie in der Regel über sehr unterschiedliche Wissensvoraussetzungen, nicht zuletzt deshalb, weil Tanz im Regelunterricht der Schulen nicht vorkommt. Ihr Vermögen, sich mit ihrem Körper bzw. durch ihre Bewegungen auszudrücken, unterscheidet sich individuell durch Erfahrungen mit Sportarten oder kulturelle (Tanz-) Erfahrungen. Ihre Vorstellung von Tanz ist nicht selten durch den Konsum von Medien geprägt, in denen ein spezifisches Bild von Tanz transportiert wird.

    Indem der Baukasten darauf abzielt, choreographische Verfahren vorzustellen, die die Eigenbeteiligung der Akteure vorsehen und Choreographie weniger als Produkt, sondern als einen Gruppenprozess verstehen, kann das Potential dieser Heterogenität kreativ und gewinnbringend eingesetzt werden. Diese Prozesse fördern eine Offenheit und Akzeptanz gegenüber der Andersartigkeit der anderen. Gerade aufgrund der Tatsache, dass vor allem in den Schulen und einigen stadtteilorientierten Einrichtungen Kinder und Jugendliche aus unterschiedlichen Kulturen, Ethnien und Religionsgemeinschaften aufeinander treffen, wird ein interkulturell ausgerichtetes Tanz- und Bewegungskonzept eingesetzt, das den verschiedenen Traditionen der Tanz- und Bewegungskulturen Rechnung trägt. Die körperlich-sinnliche Erfahrung wird in den Vordergrund gerückt und das Augenmerk auf körperliche Gestaltungsprozesse gelegt.

    Zeitgenössischer Tanz als Medium des kulturellen Lernens und transkultureller Bildung

    Dieser Umgang mit Vielschichtigkeit ist einer der Bausteine des zeitgenössischen Tanzes. Anders als im klassischen Ballett beruht der zeitgenössische Tanz nicht nur auf der Individualität der Tänzerpersönlichkeiten und ihrer ästhetischen Stile, sondern auch auf einem kulturellen Mix an Techniken und ästhetischen Praxen. Transkulturalität, d.h. eine Kommunikation und ästhetische Praxis, die sich jenseits nationaler Grenzen formuliert, ist für den zeitgenössischen Tanz konstitutiv. Zeitgenössische Choreographieentwicklung ereignet sich häufig als ein kollektiver Prozess, bei der die tradierte hierarchische Position des Choreographen obsolet geworden ist. Als kollektive Arbeitsform versteht sich die zeitgenössische Choreographie zugleich als kultureller Lern- und Bildungsprozeß.

    Diesem Verständnis von zeitgenössischer Choreographie, die den Fokus auf den Prozess legt und Choreographie selbst als „strukturierte Improvisation“ im Sinne einer unwiederholbaren und einmaligen Performance begreift, liegt ein ‚weiter’ Tanzbegriff zugrunde. Tanz wird in diesem Projekt weniger verstanden als eine Fertigkeit im Sinne eines Erlernens spezifischer Techniken und formaler Virtuosität, sondern grundlegend als Bewegung, die über  rhythmische Struktur, Raum. Zeit, Kraft und Form gestaltet wird, als eine körperlich-sinnlich erfahrbare kulturelle Praxis, als ein körperästhetischer Zugang zu kultureller Bildung und als ein wesentliches Medium sozialer Verständigung und kulturellen Dialogs. Tanz ist ein Medium, das kulturelles Lernen als Körperlernen und kulturelle Bildung als eine körperästhetische Bildung verstehbar macht. Er ist deshalb für die Erfahrung eines weniger aus normativen Leitbildern hervorgegangenen Körperkonzepts ein geeignetes Medium, weil er einen reflexiven Umgang mit Bewegung sowie mit kulturell unterschiedlichen und geschlechterdifferenzierten Körperidealen und –normen befördert. Diese spezifische Form der Bildung soll über den Choreographie-Baukasten vermittelt werden.

    Publikation

    Ziel ist es, den „Choreographischen Baukasten“ als Buch in deutscher und englischer Sprache mit DVD und Baukasten-Handreichung vorzulegen. Die Publikation soll bundesweit über den Buchmarkt vertrieben werden und besonders bundesweit kulturellen Bildungsinstitutionen wie zum Beispiel Jugendkunstschulen, Einrichtungen für Lehrerfortbildungen usw. angeboten werden. In entsprechenden Fortbildungsveranstaltungen können Einführungen in den Umgang mit dem Choreographie-Baukasten stattfinden.

     

    Mit Unterstützung von




     

    Kontakt

    esther.wagner@uni-hamburg.de

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    Dieser Artikel gehört zum Dossier: Heterogenität

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