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  • Bildungskarrieren und adoleszente Ablösungsprozesse bei männlichen Jugendlichen aus türkischen Migrantenfamilien

    19. November 2008, 17:42 Uhr von Vera King und Hans-Christoph Koller (Mitarbeit: Janina Zölch und Javier Carnicer).

    Schichtzugehörigkeit, Geschlecht und Migrationsstatus haben im deutschen Bildungssystem einen entscheidenden Einfluss auf den erreichten Schulabschluss. Allgemein schneiden Frauen besser ab als Männer; Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund schlechter als einheimische. Männer mit türkischem Migrationshintergrund haben dabei – wenn man die Ergebnisse der empirischen Forschung in eine Wahrscheinlichkeitsrechnung übersetzt – besonders schlechte Chancen.
    Um den bisher wenig erforschten Gründen für das schlechtere Abschneiden gerade der jungen Männer mit Migrationshintergrund nachzugehen, sind qualitative Untersuchungen nötig, die sowohl positive als auch negative Bildungskarrieren nachzeichnen und deren Bedingungen rekonstruieren. An diesem Punkt setzt unser von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördertes Projekt an. Dabei konzentrieren wir uns auf männliche Bildungsaufsteiger aus türkischen Migrantenfamilien und zwar einerseits auf solche, die das Abitur erreicht haben und zur Zeit einem Hochschulstudium nachgehen, als auch auf solche, die das Abitur versucht haben (d. h. die Sekundarstufe II besucht haben), ohne diesen Abschluss jedoch erlangen. Durch die Rekonstruktion und Kontrastierung der unterschiedlichen Biographien versprechen wir uns Aufschlüsse darüber, was zu den Unterschieden in den Bildungsverläufen führt.

     

    Die Theorie

    Den Hintergrund des Vorhabens bildet die Annahme, dass Bildungskarrieren entscheidend von der Art und Weise beeinflusst werden, in der Heranwachsende die doppelte Herausforderung bearbeiten, die mit Adoleszenz und Migration verbunden ist. Im Zentrum der Untersuchung stehen deshalb die Wechselbeziehungen zwischen adoleszenten Ablösungsprozessen – also der potenziellen Umgestaltung der Eltern-Kind-Beziehung in Richtung erweiterter emotionaler, kognitiver und Verhaltens-Spielräume, die eine Bearbeitung und Neukonstruktion familialer Erfahrungen zur Voraussetzungen haben – sowie die Bildungsverläufe unter Migrationsbedingungen.
    Die Familie stellt eine Schlüsselinstanz für die Art der Bildungsbeteiligung und des Bildungserfolgs der nachfolgenden Generation dar. Die Annahme, dass Bildungsressourcen und, partiell, Bildungsaspirationen intergenerational weitergegeben werden, konnte in Untersuchungen bestätigt werden. Unklar ist aber weiterhin vor allem, wie die intergenerationale Weitergabe von Bildungschancen im Einzelnen vonstatten geht. Um auf diese Frage eine Antwort zu finden, müssen neben Theorien zum Kapital und den Bildungsaspirationen der Familie, weitere Faktoren miteinbezogen werden. Zu diesen gehört die Qualität der familialen Generationenbeziehungen, die den Kapitalausstattungen unterschiedliche Bedeutung verleiht, aber auch – und darauf liegt in dieser Untersuchung der Schwerpunkt der Aufmerksamkeit – die Art und Weise, wie im Prozess der adoleszenten Ablösung die Erfahrungen in der Herkunftsfamilie verarbeitet und generational tradierte, familien- oder milieuspezifische Sinn- und Praxisfiguren modifiziert werden können.
    Aus dieser Sicht genügt es nicht, zu untersuchen, weshalb ein Bildungserfolg bei Kindern aus bildungsfernen Familien unwahrscheinlicher ist. Komplementär muss auch miteinbezogen werden, dass der Bildungsaufstieg für Kinder aus bildungsfernen Familien auch negative Folgen haben kann (wie beispielsweise eine zu große Entfernung oder Entfremdung vom Herkunftsmilieu), die unter bestimmten, noch genauer zu untersuchenden Bedingungen, zu Vermeidung oder Abbruch von erfolgreichen Schulkarrieren führen können.
    Die Wechselwirkungen zwischen Qualität und Dynamik der Eltern-Kind-Beziehungen, migrationsspezifischen Erfahrungen, adoleszenten Ablösungsprozessen und Bildungskarrieren sind vielfältig vermittelt. Daher sind detaillierte qualitative Fallanalysen notwendig, die es erlauben, Entwicklungs- und Verarbeitungsprozesse auch jenseits subjektiver Deutungen möglichst präzise zu rekonstruieren und damit auch den verschiedenen Wechselbeziehungen besser auf die Spur zu kommen.

     Die Methode

    Als Verfahren der Datenerhebung wurde aus das narrative Interview (nach Schütze) gewählt, das besonders geeignet ist, die allmähliche Aufschichtung biographischer Erfahrungen auch jenseits bewusst verfügbarer Selbstdeutungen zu erschließen.
    Vorgesehen sind Interviews mit jeweils ca. zehn jungen Männern mit und ohne Abitur, sowie deren Eltern, wobei mit den Vätern und Müttern getrennt gesprochen wird, um eine größere Offenheit herzustellen.
    Die Auswertung der Interviews erfolgt zum einen mit der Narrationsanalyse im Anschluss an Fritz Schütze, mit der die Interviewtexte in ihrer gesamten Länge betrachtet und übergreifende Ereignisketten bzw. Erzählstrukturen herausgearbeitet werden. Zum anderen werden ausgewählte Textpassagen mit dem Verfahren der Sequenzanalyse in Anlehnung an die objektive Hermeneutik analysiert, wodurch ein präziser Zugriff auf die Differenz zwischen dem subjektiv vermeinten Sinn und der latenten objektiven Sinnstruktur möglich wird. Aufgrund der unterschiedlichen Schwerpunkte verspricht die Triangulation der beiden Methoden fruchtbare Ergebnisse.

     

    Kontakt

    Janina.Zoelch@uni-hamburg.de
    Javier.Carnicer@uni-hamburg.de

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    Dossier

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