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  • Projekt zur Berufswahlkompetenz in den Naturwissenschaften

    19. November 2008, 17:43 Uhr von Anneliese Wellensiek.

     

    Kurzbeschreibung des Projektvorhabens

    Die School of Life Science (SLS) Hamburg GmbH ist Antragstellerin in Projektvorhaben des Europäischen Sozialfonds (ESF), in denen sie mit der Universität Hamburg (MIN-Fakultät, Department Informatik und Fakultät EPB, FB Erziehungswissenschaft) zusammenarbeitet. Der Projektverbund hat das Ziel, die Berufswahlkompetenzen von Schülerinnen und Schülern zu verbessern, insbesondere im Hinblick auf naturwissenschaftlich-technische Berufe und Studienwünsche. Dem dort bestehenden Gendergap und der Unterrepräsentanz von Schülerinnen und Schülern mit Migrationshintergrund soll entgegen gewirkt werden.

     

    Kurzbeschreibung des Forschungsvorhabens

    Innerhalb des Projektrahmens sind Mitarbeiterstellen zur Projektentwicklung beantragt. Im Falle der Chemiedidaktik ist vorgesehen die Projektentwicklung mit der Möglichkeit zur Promotion zu verbinden. Besonders interessant erscheint hierbei der Zusammenhang von Migration und naturwissenschaftlichen Unterricht, der bisher wenig untersucht wurde.
    In den wenigen Studien (z.B. PROMISE) wurden im Wesentlichen drei Problemfelder identifiziert:

    1. Mangelnde Sprachkenntnisse
    2. Motivationsprobleme (genderspezifisch)
    3. Soziokulturelles Umfeld

    Aus der Sicht naturwissenschaftsdidaktischer Forschung wäre darüber hinaus die Frage interessant, ob die didaktischen Strategien des Theoriegebäudes von Nature of Science (NOS) auch in Bezug auf Migration Lösungspotenziale bereit halten
    Die School of Life Science hat für die Antragstellung alle Hamburger Gymnasien und Gesamtschulen (Sekundarstufe I und II) kontaktiert und eine Bedarfsabfrage für die Instrumente 6 und 8 gestellt. Von den 126 angefragten Schulen haben sich 33 gemeldet und generell Interesse an der Zusammenarbeit bekundet.
    In Bezug auf die beantragten Instrumente wurde der geschätzte Anteil von Schülerinnen und Schülern der Oberstufe mit Migrationshintergrund erfragt. Dabei ergibt sich für Hamburg in dieser Stichprobe eine Spannbreite von 1 bis 85% Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund pro Klasse bzw. Kurs.

    Es folgt nun eine ausführlichere Beschreibung des Projektvorhabens.

     Ziele des Projektvorhabens

    Zielgruppe der Projekte sind alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe I und II in den Abgangsklassen und Vorabgangsklassen (Instrument 6). Das ESF-Projekt wendet sich insbesondere an Schülerinnen in ihrer Gesamtheit (Stichwort Frauen und Technik), aber auch an Schülerinnen und Schüler der gymnasialen Oberstufe, die aus bildungsfernen Elternhäusern kommen, z.B. mit Migrationshintergrund (Instrument 8).

    Die demografische Entwicklung führt aufgrund geburtenschwacher Jahrgänge zukünftig zu einem Mangel an Arbeitskräften im Allgemeinen. Die Ursache dafür, dass naturwissenschaftlich-technische Berufe von diesem Mangel an Fachkräften stärker betroffen sind als andere Branchen, zeigt die Pisastudie 2006 auf: Die Mehrheit der leistungsstarken Schülerinnen und Schüler interessiert sich nicht für den naturwissenschaftlichen Unterricht. Ihren Aussagen zufolge ist der Unterricht in den Naturwissenschaften nicht zu schwer, sondern nicht interessant genug. Oft müssen Sachverhalte nur theoretisch nachvollzogen oder abgearbeitet werden. Eigene Gedanken und Kreativität sind in der Regel nicht gefragt (Pisastudie 2006). Der so gestaltete naturwissenschaftliche Unterricht fungiert als Exklusionsmechanismus, der dazu führt, dass naturwissenschaftlich-technische Berufe proportional weniger bei der Berufswahl berücksichtigt werden als andere.
    Eine weitere Ursache dafür liegt in dem Erscheinungsbild der Wissenschaft selbst („scientific enterprise“). Der hier zu beobachtende dominanteste Exklusionsmechanismus ist die „Missachtung“ des Subjekts, will meinen, Unterricht und Kontakte zur Wissenschaft ermöglichen Jugendlichen meist nicht, sich mit ihren eigenen Vorstellungen einzubringen und sich selbstwirksam zu erfahren.
    Gegen Exklusionsmechanismen entwickeln in erster Linie Frauen Abwehrmechanismen (Gendergap): Obwohl in Hamburg mehr Frauen als Männer Abitur machen, liegt der Frauenanteil bei den Studierenden in Hamburg im Bereich Naturwissenschaften nur bei 34,5%.
    Noch weniger als ihre deutschen Mitschüler/innen können Schülerinnen und Schüler mit Migrationshintergrund „Vokabellernen“ ohne Verstehensprozesse tolerieren. Ziel ist es, ein Programm auszuarbeiten und zu evaluieren, das auf das Spannungsfeld Muttersprache - Alltagssprache (deutsch) – Fachsprache hin ausgerichtet ist und hohe Erschließungsprozesse auf Seiten der Schülerinnen und Schüler bereit hält.

     Projektinstrumente

    Zur Umsetzung der Ziele werden zahlreiche Projektbausteine entwickelt. Exemplarisch seien hier zwei Bausteine (Projektwoche und Sprachförderung) dargestellt:

    Die Schüler/innen absolvieren eine 36stündige Projektwoche in den Gentechniklaboren der School of Life Science bzw. in den IT-Unterrichtsräumen im Informatikum. (Die School of Life Science ist eine Berufsfachschule für biologisch-technische Assistenz und bildet „gentechnische Facharbeiter/innen“ aus. In der Informatik werden Informatik-Studentinnen und Studenten ausgebildet.)
    Die Projektwoche soll Denkanstöße in Richtung naturwissenschaftliche Berufswahl provozieren, was nur gelingt, wenn auch eigene Gedanken und Kreativität der Schülerinnen und Schüler in die Projektarbeit einfließen, damit diese als interessant empfunden wird. Es soll die Kreativität im naturwissenschaftlichen Unterricht gefördert werden. Um vorhandene Exklusionsmechanismen aufzubrechen, müssen Einladungen an die Subjekte ausgesprochen werden. Kriterien, die so eine didaktische Strategie anleiten könnten, entstammen dem Theoriegebäude von Nature of Science (NOS). Ziel ist es nicht nur berufsrelevante Qualifikationen zu erlernen, sondern auch das menschliche Antlitz, das Wissenschaft zweifelsohne hat, herauszuarbeiten, damit Schülerinnen und Schüler sich mit ihren eigenen Vorstellungen einbringen können. Die generelle Ansprache der Schülerinnen und Schüler sollte in dem Projekt durch NOS als didaktisches Prinzip erfolgen, damit die Kompetenz der Schülerinnen und Schüler gestärkt wird, ihre Bildungs- und Berufsbiographie selbstverantwortlich zu gestalten. Gefordert sind also innovative Unterrichtsmethoden im Sinne einer modernen Didaktik der Naturwissenschaft. Dazu ist eine Kooperation mit einer lehrerbildenden Einrichtung der naturwissenschaftlichen Didaktik erforderlich. Im Bereich Life Sciences bearbeiten Studierende eines Projektseminars in der Didaktik der Naturwissenschaften (Prof. Wellensiek, FB Erziehungswissenschaft/ Didaktik der Naturwissenschaft) gemeinsam mit den Lehrkräften der School of Life Science die praktischen Unterrichtsinhalte im Sinne einer modernen Didaktik der Naturwissenschaften. Im Bereich IT leisten Frau Prof. Schirmer vom Department Informatik in Kooperation mit Herrn Prof. Breier (FB Erziehungswissenschaft/Didaktik der Naturwissenschaft) die entsprechenden Beiträge.
    Die Projektwoche schließt mit einer Präsentation der Ergebnisse ab, zu der ausdrücklich die Familien der Schülerinnen und Schüler eingeladen und vor Ort auch angesprochen werden. Die Einbeziehung des familiären Umfeldes ist integraler Bestandteil des Projektes.

    Der Baustein Sprachförderung wird denjenigen Schülerinnen und Schülern im Anschluss an die Projektwoche angeboten, die Unterstützung bei komplexen sprachlichen Anforderungen benötigen, indem diese lernen, sich ausführlicher und differenziert in der Standardsprache Deutsch auszudrücken und sich schriftlich zu äußern. Der Unterricht besteht zu gleich großen Teilen aus Theorie und Laborpraxis/Computerpraxis. Dieser Unterricht findet außerhalb der normalen Unterrichtszeit in der School of Life Science bzw. in den IT-Unterrichtsräumen im Informatikum statt.
    Die Innovation liegt im gegenseitigen Bezug von Labor/Institutserfahrung und Sprachunterricht. Hierfür werden Honorarkräfte eingebunden, die in diesem Spannungsfeld bereits arbeiten (Ethnologen, Islamwissenschaftler).

     

    Die Kooperation mit der Lehrerbildung wirkt somit auf drei Ebenen ein:

    1. Schülerinnen und Schüler erhalten einen realitätsgerechten Einblick in naturwissenschaftliches Arbeiten mit einer anspruchsvollen Aufgabenkultur.
    2. Angehende Lehrerinnen und Lehrer erhalten durch innovative Projektseminare eine einzigartige Qualifizierungsmöglichkeit. Über diesen Weg wird ein entwickeltes naturwissenschaftliches Verständnis nachhaltig in die allgemeinbildenden Schulen getragen.
    3. Das Gesamtensemble lädt alle Schülerinnen und Schüler ein, sich für einen Beruf in den Naturwissenschaften zu interessieren.

     

    Kontakt

    Anneliese.Wellensiek@erzwiss.uni-hamburg.de

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