
In diesem Beitrag werden drei laufende Dissertationsvorhaben kurz vorgestellt, die im Rahmen des Graduiertenkollegs Bildungsgangforschung begonnen wurden und von den Professor(inn)en Mielke, Bastian und Combe betreut werden.
Die Forschungsprojekte haben das grundlegend umgestaltete Gesamtkonzept der Sekundarstufe I von zwei Hamburger Gesamtschulen zum Gegenstand.
Beide Schulen sind als Gesamtschulen mit der Heterogenität ihrer Schülerschaft vertraut; lange Jahre wurde hier – wie auch an anderen Gesamtschulen – mit äußerer Leistungsdifferenzierung auf diese Situation reagiert.
Vor einiger Zeit haben jedoch die Gesamtschule Winterhude und die Neue Max-Brauer-Schule für ihre heterogene Schülerschaft das Prinzip äußerer Leistungsdifferenzierung aufgegeben. Stattdessen erproben und evaluieren sie im Rahmen des Hamburger Schulversuchs „Selbst verantwortete Schule“ in ihrer Sekundarstufe I binnendifferenzierende – in einem Fall sogar jahrgangsübergreifende – Modelle individualisierten Unterrichts für die Fächer Mathematik, Deutsch und Englisch. Damit wird vor allem das Ziel verfolgt, das selbstregulierte Lernen der Schülerinnen und Schüler zu fördern.
Eingebunden ist dabei das individualisierte Unterrichtssetting in ein grundlegend umgestaltetes Gesamtkonzept für die Sekundarstufe I, das aus drei Säulen bzw. drei unterschiedlichen Unterrichtssettings besteht:
Für den gesamten Unterricht der Jahrgänge 5 bis 7 – jetzt allmählich hoch wachsend bis zur 10. Jahrgangsstufe – wird die übliche Fächerstruktur zugunsten von drei unterschiedlich gestalteten schulischen Lernsettings aufgelöst:
Im Lernsetting Projekt findet fächerübergreifendes und fächerverbindendes Arbeiten in kooperativen Lernformen statt, die an die Erfahrungswelt der Schülerinnen und Schüler anknüpfen sollen und lebens- und praxisnah gestaltet werden.
Im Lernsetting Werkstatt lernen und arbeiten die Schülerinnen und Schüler interessengeleitet im musisch-künstlerischen, handwerklich-technischen sowie sportlichen Bereich.
Im Lernsetting Lernbüro bzw. KuBa (Kulturelle Basisqualifikationen) erfolgt der Erwerb von Basiskompetenzen in den Fächern Deutsch, Mathematik und Englisch (sowie an einer Schule im Fach Gesellschaft).
Im Lernbüro steht die konsequente Individualisierung des Lernens im Mittelpunkt. Da sich auch die Untersuchungen auf dieses Setting konzentrieren, folgen hierzu einige Details:
Die Schülerinnen und Schüler arbeiten in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Gesellschaft an Aufgaben, die unterschiedliche Lernzugänge bzw. Lernwege zulassen und auf verschiedenen Kompetenzniveaus liegen.
Sie arbeiten mit Hilfe von Wochenplänen bzw. Logbüchern, die ihnen als Planungs- und Strukturierungsinstrumente ermöglichen sollen, ihre eigenen Lernprozesse zunehmend selbst zu planen, zu steuern und zu überwachen.
Sie arbeiten anhand von Kompetenzrastern bzw. Bausteinen, in denen die Aufgaben enthalten sind und die ihnen als Orientierungshilfe dienen, um einen Überblick über schon Geleistetes und noch zu Leistendes zu behalten.
Mit Hilfe dieses umfangreichen Instrumentariums soll den Schülerinnen und Schülern ermöglicht werden, ihre jeweiligen Lernprozesse und Arbeitsschritte individuell und eigenverantwortlich zu planen, durchzuführen und zu reflektieren. Hierbei werden sie durch die Lehrerinnen und Lehrer unterstützt und individuell beraten.
In den drei Forschungsprojekten werden Teilaspekte dieses Unterrichtskonzeptes untersucht und evaluiert, wobei in zwei Studien der Fokus auf die Schülerinnen und Schüler gerichtete ist, in dem dritten auf die Lehrerinnen und Lehrer.
Maike Krätzschmar untersucht in ihrer Studie über einen Zeitraum von zwei Schuljahren mit quantitativen Verfahren die Wirkungen der Jahrgangsmischung auf Selbstkonzepte der Schülerinnen und Schüler.
Die Gestaltung des individualisierten Unterrichtssettings an den beiden Schulen unterscheidet sich in einem wesentlichen Aspekt: Eine Schule arbeitet mit Jahrgangsklassen, die andere mit jahrgangsgemischten Lerngruppen.
Dies ermöglicht ein Forschungsdesign, in dem unter Konstanthaltung der Variablen „Unterrichtsform“ die isolierte Wirkung der Jahrgangsmischung untersucht wird.
Hierbei werden Ausprägungen und Entwicklungen akademischer und sozialer Selbstkonzepte der Schülerinnen und Schüler fokussiert.
Ammerentie Kletschkowski konzentriert sich in ihrer Untersuchung ebenfalls auf die Schülerinnen und Schüler im individualisierten Unterricht und fragt danach:
Für diese rekonstruktiv angelegte Studie wurden zweimal im Abstand von einem Jahr mit Schülerinnen und Schülern beider Schulen problemzentrierte Leitfadeninterviews geführt und ausgewertet, die von ihnen ausgefüllten Wochenpläne bzw. Logbücher analysiert und es wurden die Lernenden bei ihrer Arbeit im Lernbüro beobachtet.
Auf dieser Basis lässt sich rekonstruieren, wie die Schülerinnen und Schüler die Planungsinstrumente für die Selbstregulation des Lernens nutzen. Es können so zum einen fallübergreifende Nutzungsmuster und zum anderen einzelfallspezifische Entwicklungsverläufe selbstregulierten Lernens herausgearbeitet werden.
Miriam Hellrung untersucht in ihrer Studie die Professionalisierungsprozesse der Lehrerinnen und Lehrer im Zusammenhang mit dem individualisierten Unterricht und dem Schulentwicklungsprozess.
Im Einzelnen wird danach gefragt, welches grundlegende Anforderungsprofil für die Lehrerinnen und Lehrer mit der Praxis individualisierten Unterrichts und dem Schulentwicklungsprozess verbunden ist. Eine weitere Untersuchungsdimension beinhaltet den individuellen Umgang der Lehrenden mit diesen Anforderungen: Hier geht es um das Erleben von Anforderungen als persönliche Herausforderung, um individuelle Wege ihrer Bewältigung, um die damit verbundenen Erfahrungsprozesse und um die individuellen Muster der Erfahrungsverarbeitung.
Für die fallübergreifende Rekonstruktion der Anforderungen im individualisierten Unterricht und für die einzelfallbezogene Rekonstruktion der Erfahrungsprozesse wurden zweimal im Abstand von einem Jahr mit Lehrerinnen und Lehrern erzählgenerierende Leitfadeninterviews geführt und ausgewertet.
miriam.hellrung
gmx.de
kletschkowski
erzwiss.uni-hamburg.de
kraetzschmar
erzwiss.uni-hamburg.de
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Dieser Artikel gehört zum Dossier: Heterogenität
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