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  • Gemeinschaftsschule - Lernen in heterogenen Gruppen

    19. November 2008, 17:47 Uhr von Johannes Bastian und Julia Hellmer.

    Über die wissenschaftliche Begleitung der „Pilotphase Gemeinschaftsschule Berlin“

     Eine Schule für alle Schülerinnen und Schüler, in denen die Lerngruppen gemeinsam, ohne äußere Leistungsdifferenzierung lernen und in der der Erwerb aller Schulabschlüsse möglich ist, dieses Vorhaben erproben derzeit sechzehn Schulen bzw. elf Schulverbünde in Berlin.
    Die neue Schulform „Gemeinschaftsschule“ ist in Berlin zum Schuljahr 2008/09 eingerichtet worden und wird als Pilotprojekt an den beteiligten Schulen bis zum Schuljahr 20012/13 durchgeführt.
    Die Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung der Stadt Berlin hat nach einer europaweiten Ausschreibung Prof. Dr. Johannes Bastian und Dr. Julia Hellmer an der Fakultät für Erziehungswissenschaft, Psychologie und Bewegungswissenschaft der Universität Hamburg gemeinsam mit der internationalen Unternehmensberatung Rambøll Management mit der wissenschaftlichen Begleitung des Pilotvorhabens betraut.
    Im August 2008 hat die Projektgruppe die Arbeit aufgenommen. Im Zentrum der Evaluation steht die Frage nach Zusammenhängen zwischen längeren gemeinsamen Lernprozessen in heterogenen Lerngruppen und den Entwicklungsprozessen von Schülerinnen und Schülern sowie Lehrerinnen und Lehrern unter veränderten Lernbedingungen.

    Im Folgenden sollen sowohl die Ziele der Gemeinschaftsschule als auch das Vorgehen in der wissenschaftlichen Begleitung kurz beschrieben werden.

    Kernidee der Gemeinschaftsschule ist, dass Schülerinnen und Schüler unabhängig von ihrem Leistungsniveau in heterogenen Lerngruppen länger gemeinsam lernen. Dies wird als Chance betrachtet, die Abhängigkeit von sozialer Zugehörigkeit und Bildungserfolg zu überwinden und allen Kindern und Jugendlichen durch selbstständiges Lernen und die Unterstützung individueller Lernwege eine höhere Leistungsentwicklung zu ermöglichen (vgl. Arnz 2007).
    Dafür ist die Entwicklung von neuen Formen des individualisierten Unterrichts entscheidend, in dem die Fähigkeiten und Fertigkeiten aller Schülerinnen und Schüler durch individuelle Förderung besser entwickelt und gefördert werden sollen.
    Die beteiligten Schulen begeben sich damit in einen Schulentwicklungsprozess, der herkömmliche Unterrichtsarrangements sehr deutlich weiterentwickelt; denn die mit dem Konzept Gemeinschaftsschule vorgegebenen Elemente „Abschaffen der äußeren Fachleistungsdifferenzierung und der Klassenwiederholung“ sowie „weitgehender Verzicht auf Noten und Aufbau eines neuen Modells der Lernberatung“ schaffen zum einen Gestaltungsspielraum für neue Lernformen und erfordern zum anderen schulspezifische Konzepte der Umsetzung.
    Mit diesem Entwicklungsprozess, der sich vor allem auf ein verändertes Lernen und die dafür notwendigen neuen Formen des Lehrens und der Lehrerkooperation konzentriert, betreten die Schulen weitgehend Neuland. Bislang gibt kaum Erfahrungen damit, wie „normale“ Schulen einen solchen radikalen Umwandlungsprozess bestmöglich gestalten können.

    Die wissenschaftliche Begleitung trägt diesem Umstand Rechnung und arbeitet deshalb zur Unterstützung des Umsetzungsprozesses sowohl ergebnissichernd als auch prozessbegleitend. Dies umfasst die begleitende Rekonstruktion und Evaluation von Schulentwicklungsprozessen sowie eine datenbasierte Beratung von Entwicklungsprozessen. Das mit dieser Form der wissenschaftlichen Begleitung bezeichnete Konzept der Schulbegleitforschung, verfolgt den Anspruch, gleichermaßen zur Entwicklung des Wissens im Bezugssystem Wissenschaft als auch zur Weiterentwicklung der Prozesse in den Schulen beizutragen und die Differenzen zwischen den unterschiedlichen Bereichslogiken produktiv zu nutzen (vgl. u.a. Combe 2002; Bastian/Combe/Hellmer/Wazinski 2007). Deutlich wird dieses konstruktive Aufeinander-beziehen vor allem in Phasen von Datenrückmeldungen: Ergebnisse der Evaluation werden im Prozess kontinuierlich an die Schulen zurückgemeldet und sollen als Impulse zur Reflexion, Interpretation und Weiterentwicklung vor Ort genutzt werden.
    Im Zentrum der Untersuchung steht die Frage, wie im Rahmen von Gemeinschaftsschulen die Gestaltung von Lernen und Unterricht und der Umgangs mit Heterogenität entwickelt wird. Bedeutsam sind dabei u.a. Fragen, wie Schülerinnen und Schüler neue unterrichtliche Angebote und heterogene Lerngruppen (z.B. auch altersgemischte Lernarrangements) nutzen und wie Lehrerinnen und Lehrer diese neuen Herausforderungen gestalten und bewältigen. Darüber hinaus werden auch die weiteren Akteure wie Sozialpädagogen, Eltern, sowie die Vernetzung mit Einrichtungen der Quartiere in die Unersuchung einbezogen. Untersuchungsschwerpunkte der wissenschaftlichen Begleitung sind:

    • Die Entwicklung der schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler bezüglich der Lernkompetenz und der Teamkompetenz
    • Die Entwicklung der schulischen Leistungen der Schülerinnen und Schüler bezüglich der Fachkompetenz in Kernfächern im Vergleich mit den Leistungen im gegliederten System
    • Die Entwicklung des Lernklimas
    • Die Entwicklung von Management und Organisation der Schulen
    • Die Nutzung und die Wirkung von Unterstützungsangeboten zur Professionalisierung insbesondere von Lehrenden im Bereich individualisierter Unterrichtsarrangements.
    • Die Entwicklung von Schulwahlmotiven und Elternpräferenzen
    • Transfereffekte

    Das Untersuchungsdesign umfasst im Überblick die folgenden Aspekte: In einer ersten Phase der Bestandsaufnahme
    von Rahmenbedingungen und Innovationsperspektiven werden in allen Schulen ausführliche Gespräche mit Schulleitungen, ausgewählten Akteuren einschließlich Schülerinnen und Schülern sowie Akteuren im Umfeld der Schulen geführt.
    Dem folgt eine Phase der prozessbegleitenden Evaluation in mehreren Intervallen. Diese umfasst

    • quantitative Befragungen von Lehrkräften, Schülerinnen und Schüler, Eltern
    • Fallstudien zur vertieften Analyse von Entwicklungsprozessen und Gelingensbedingungen und Lernstandserhebungen in ausgewählten Schulfächern. Die Lernstanderhebungen erfolgen in Kooperation
    • mit dem Landesinstitut für Lehrerbildung und Schulentwicklung in Hamburg, Abteilung: Qualitätsentwicklung und Standardsicherung (LIQ).

    Der Evaluationsprozess wird durch kontinuierliche Innovationsberatung begleitet.

    Während des gesamten Untersuchungsprozesses entsteht parallel ein Handlungsleitfaden, der datengestützt schulübergreifende Gelingensbedingungen festhält und kommuniziert und langfristig ein Instrument zur Unterstützung bei der Einführung weiterer Gemeinschaftsschulen darstellen soll.

    Die wissenschaftliche Begleitung endet zum 31.12.2012. Es besteht die Option der Verlängerung durch den Auftraggeber (Land Berlin, Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport).

    Kontakt

    Julia.Hellmer@wtnet.de

     

    Literatur

    Arnz, Siegfried: Auf dem Weg zur Gemeinschaftsschule. Über den schwierigen Versuch, die Gestaltung des Lernens in heterogenen Gruppen durch Systemveränderungen anzugehen. In: Pädagogik (12) 2007, 14-17
    Bastian, Johannes/Combe, Arno/Hellmer, Julia/Wazinski, Elisabeth: Zwei Tage Betrieb – drei Tage Schule. Kompetenzentwicklung in der Lernortkooperation an Allgemeinbildenden Schulen. Bad Heilbrunn 207
    Combe, Arno: Interpretative Schulbegleitforschung – konzeptionelle Überlegungen. In: Breidenstein, G./ Combe, A./ Helsper, W./ Stelmaszyk, B. (Hrsg.): Forum Qualitative Schulforschung 2. Interpretative Unterrichts- und Schulbegleitforschung. Opladen 2002, 29-37

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    Dieser Artikel gehört zum Dossier: Heterogenität

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